Ich zeige Haltung, ohne politische Lager vorschnell moralisch abzuwerten, indem ich verstehen möchte und aufkläre

Ein persönlicher Beitrag von Michael Blanz, Geschäftsführer von Metallmichl

Lesezeit: ca. 10 Minuten

Vor ein paar Tagen hat der Rapper Danger Dan ein Lied veröffentlicht, das viel diskutiert wird. Es geht um Widerstand gegen Rechtsextremismus, und einzelne Zeilen werden als Aufruf zu Gewalt gelesen, so deutlich, dass das ZDF einen geplanten Fernsehauftritt kurzfristig abgesagt hat. Die Debatte darüber, ob das noch Kunst oder schon ein Aufruf zu Straftaten ist, läuft seither quer durch alle politischen Lager, und interessanterweise nicht entlang der Linien, die man erwarten würde: Auch aus dem linken Spektrum kam Kritik am Lied, während konservative Stimmen sich teils hinter das Auftrittsverbot stellten und andere es als Zensur ablehnten.

Ich möchte dieses Lied nicht bewerten. Ich möchte etwas anderes: dir sagen, wo ich stehe, dir erklären, warum, und dir eine Orientierung anbieten, wenn du wie ich in deinem Alltag, auf dem Spielplatz, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, öfter auf Sätze und Haltungen triffst, bei denen du selbst nicht mehr genau weißt, wie du reagieren sollst.

Warum ich das hier schreibe

Metallmichl ist eine Firma, die Dinge für Gärten macht, keine politische Plattform. Trotzdem glaube ich, dass Wegsehen keine neutrale Position ist. Wer sich in dieser Zeit zu nichts positioniert, positioniert sich trotzdem, nur eben durch Schweigen. 

"Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir unterlassen." Dieser Satz wird oft Molière zugeschrieben, lässt sich aber in seinem Werk nicht eindeutig belegen, was ihn nicht weniger wahr macht.

Das ist für mich nicht nur eine abstrakte Überlegung. Bei uns im Betrieb arbeitet Islombek, unser Azubi, der als Geflüchteter aus der Ukraine zu uns gekommen ist. Wenn ich über Menschen spreche, die auf Hilfe angewiesen sind, weil sie sich in ihrer Situation nicht selbst helfen können, spreche ich nicht über eine abstrakte Gruppe, sondern über einen jungen Menschen, der jeden Tag bei uns in der Werkstatt steht. Das prägt, wie ich auf Sätze wie "wir sollten unseren Leuten zuerst helfen" höre. Ich frage mich dann automatisch: Gehört Islombek für die Person, die das sagt, eigentlich dazu? Und was würde sich für sie ändern, wenn sie ihn kennen würde, so wie ich ihn kenne?

Deshalb sage ich es klar: Ich distanziere mich von Extremismus, gleich von welcher Seite er kommt. Von Ausgrenzung, die sich als Sorge tarnt. Von Gewalt, die sich als Notwehr tarnt. Von Pauschalurteilen über Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer politischen Zugehörigkeit, in welche Richtung auch immer.

Das humanistische Menschenbild als Grundlage

Bevor ich auf einzelne Formulierungen eingehe, möchte ich kurz sagen, worauf meine Haltung eigentlich fußt, weil ich glaube, dass man Symptome nur versteht, wenn man das Prinzip dahinter kennt.

Der Humanismus, in der Tradition von Kant über die Aufklärung bis zur modernen Menschenrechtsphilosophie, beruht auf einem einfachen, aber weitreichenden Grundsatz: Jeder Mensch besitzt eine Würde, die ihm nicht durch Zugehörigkeit, Herkunft, Nützlichkeit oder Zustimmung anderer verliehen wird, sondern die er allein dadurch hat, dass er Mensch ist. Kant hat das im Kategorischen Imperativ so gefasst, dass man einen Menschen niemals bloß als Mittel, sondern immer auch als Zweck an sich behandeln solle. Diese Würde ist universell, sie gilt für den Nachbarn genauso wie für den Fremden, für den Steuerzahler genauso wie für den Geflüchteten, der noch keinen Cent ins System eingezahlt hat.

Das humanistische Menschenbild kennt also keine Vorstufe der Zugehörigkeit, die man sich erst verdienen müsste, bevor einem Hilfe in Not zusteht. Genau das unterscheidet es von Denkmustern, die Hilfe an Bedingungen knüpfen, an Herkunft, an Nützlichkeit, an "Zugehörigkeit zu unseren Leuten". Wenn ich also sage, dass ich mich humanistisch orientiere, meine ich damit etwas sehr Konkretes: Die Frage, ob jemandem geholfen wird, sollte sich aus seiner Not ergeben, nicht aus seiner Gruppenzugehörigkeit.

"Ich bin ja nicht rechts, aber..."

Vielleicht hast du diesen Satz auch schon gehört, vielleicht hast du ihn selbst schon einmal gesagt. Er ist in der Sprachwissenschaft und Diskursforschung gut untersucht, unter anderem von dem Linguisten Teun van Dijk, der ihn als "denial of prejudice" beschrieben hat, als vorweggenommene Distanzierung von einem Vorwurf, bevor er überhaupt erhoben wurde.

Der Satz funktioniert wie eine Versicherung. Er erlaubt der sprechenden Person, eine Aussage zu treffen, deren mögliche Nähe zu rechtem Gedankengut sie selbst bereits spürt, und sich im selben Atemzug davon zu distanzieren. Das Muster lautet immer gleich: "Ich bin ja nicht rechts/rassistisch/fremdenfeindlich, aber..." gefolgt von einer Aussage, die genau in diese Richtung geht. Wichtig ist: Das bedeutet nicht automatisch, dass die Person tatsächlich rechtsextrem denkt. Oft ist es eher ein Zeichen dafür, dass sie selbst spürt, wie nah ihre Formulierung an ein Terrain grenzt, das sie eigentlich ablehnt, und genau deshalb den Disclaimer voranstellt.

Für mich ist dieser Satz immer ein Signal, genauer hinzuhören, nicht um jemanden vorzuverurteilen, sondern um nachzufragen, was er oder sie eigentlich meint. "Was verstehst du unter unseren Leuten?" ist meistens eine ergiebigere Frage als eine sofortige Bewertung.

Wohlstandschauvinismus: ein Begriff, den man kennen sollte

Der Satz "wir sollten unseren Leuten zuerst helfen" hat einen politikwissenschaftlichen Fachbegriff: Wohlstandschauvinismus, im Englischen "welfare chauvinism". Gemeint ist die Position, dass Sozialleistungen, staatliche Unterstützung und Solidarität in erster Linie oder ausschließlich der eigenen, meist ethnisch oder national definierten Bevölkerung zustehen sollen, nicht aber Menschen von außerhalb, unabhängig von deren tatsächlicher Not.

Der Begriff wurde ursprünglich in der skandinavischen Parteienforschung geprägt, um zu beschreiben, wie rechtspopulistische Parteien den Wohlfahrtsstaat nicht grundsätzlich ablehnen, wie es klassischer Wirtschaftsliberalismus tut, sondern ihn im Gegenteil verteidigen, nur eben mit einer ethnisch-nationalen Abgrenzung, wer davon profitieren darf. Das erklärt auch, warum solche Positionen quer zum klassischen Links-Rechts-Schema liegen können: Sie sind oft sozialstaatsfreundlich und gleichzeitig ausgrenzend.

Entscheidend ist: Wohlstandschauvinismus tritt selten in seiner reinen, offen formulierten Form auf. Er versteckt sich in Sätzen wie "erst mal für die eigenen Leute sorgen, dann für andere", die auf den ersten Blick wie gesunder Menschenverstand klingen. Das Tückische daran ist genau diese Camouflage: Wer Wohlstandschauvinismus offen als solchen benennen würde, würde bei den meisten Menschen auf Ablehnung stoßen. In der verschleierten Form aber, als scheinbar vernünftige Priorisierung, findet er breite Zustimmung, auch bei Menschen, die sich selbst nie als rechts einordnen würden.

Das ist übrigens auch die Antwort auf eine Frage, die mir in Gesprächen oft begegnet: Warum sagen so viele gebildete, sozial engagierte, eigentlich empathische Menschen solche Sätze? Weil die Formulierung selbst so gestaltet ist, dass sie sich nicht wie Ausgrenzung anfühlt, sondern wie Fürsorge, nur eben eine Fürsorge mit unsichtbarer Grenze.

Von der Sprache zur Handlung: zwei verschiedene Fragen

Bisher ging es um Sprache, um Sätze, die im Gespräch fallen, im Freundeskreis, auf dem Spielplatz. Dort ist Zuhören und Nachfragen der richtige Weg, weil noch nichts passiert ist außer einer Formulierung, die man klären kann.

Es gibt aber eine zweite, andere Frage, die mich mindestens genauso beschäftigt: Was mache ich, wenn aus Worten tatsächliches Handeln wird, wenn ich beobachte, wie jemand angegriffen, bedroht oder verletzt wird? Das ist kein Gespräch mehr, das ist eine Situation, in der ich handeln muss, und zwar richtig handeln, nicht nur gut gemeint. Genau hier wird die Debatte um das Danger-Dan-Lied ja auch konkret: Es geht dort nicht mehr um einen unbedachten Satz, sondern um die Frage, welche Reaktion auf reale oder befürchtete Gewalt gerechtfertigt ist. Deshalb möchte ich diesen Wechsel bewusst machen, bevor ich zur zweiten Ebene komme.

Wo für mich die Grenze verläuft

Ich glaube an drei einfache Leitfragen, die mir selbst helfen, mich zu orientieren, wenn ich über Reaktionen auf reale oder befürchtete Bedrohung nachdenke:

Ist der Angriff bereits im Gange, oder befürchte ich ihn nur?

Wenn jemand vor meinen Augen beleidigt, angeschrien oder angegriffen wird, ist sofortiges Handeln geboten: laut dazwischengehen, sich schützend positionieren, die Polizei rufen, notfalls körperlich eingreifen, um den Angriff zu beenden. Wenn ich hingegen nur vermute, dass jemand künftig gefährlich werden könnte, ist private Vergeltung keine Lösung, sondern das nächste Problem.

Richtet sich meine Handlung auf den Schutz eines Menschen oder auf die Bestrafung eines anderen?

Schutzmaßnahmen für Bedrohte, Wachsamkeit, Unterstützung, Zivilcourage im Moment der Tat, sind für mich immer richtig. Sanktionen gegen Personen, die noch keine konkrete Tat begangen haben, sind es nicht, egal wie überzeugt ich von meiner Einschätzung bin.

Gibt es noch einen friedlichen, rechtsstaatlichen Weg, oder ist er tatsächlich versperrt?

In Deutschland 2026 funktionieren Gerichte, Wahlen, Parteiverbotsverfahren und freie Presse, auch wenn sie oft langsamer sind, als man es sich in der eigenen Wut wünscht. Das unterscheidet unsere Situation fundamental von historischen Fällen, in denen Menschen zu Recht Widerstand gegen ein Unrechtsregime geleistet haben, das selbst jede friedliche Korrektur zerstört hatte.

Was du konkret tun kannst

Wenn du, so wie ich, öfter das Gefühl hast, dass Formulierungen um dich herum kippen, ohne dass jemand es böse meint, hier ein paar Dinge, die ich für mich mitgenommen habe:

  • Frag konkret nach, statt zu urteilen. "Wer gehört für dich zu unseren Leuten?" öffnet ein Gespräch, ein Vorwurf schließt es. Meistens merkt die Person selbst, wie schwammig oder wie eng ihre Antwort ausfällt, wenn sie sie laut aussprechen muss.
  • Trenne den Menschen von der Aussage. Du kannst jemanden weiter mögen und trotzdem klar sagen, dass ein Satz, den er gesagt hat, dich stört. Das eine schließt das andere nicht aus.
  • Handle im Moment, nicht danach. Zivilcourage heißt: jetzt dazwischengehen, verbal, schützend, notfalls körperlich, wenn ein Angriff tatsächlich läuft. Nicht später abrechnen, wenn die Wut sich zu einem Plan verfestigt hat.
  • Nutze die Wege, die es gibt. Anzeige, Dienstaufsichtsbeschwerde, Öffentlichkeit über seriöse, journalistische Kanäle, das politische Gespräch, den Parteiverbotsantrag als vorgesehenes rechtsstaatliches Verfahren. Sie sind langsamer als Selbstjustiz, aber sie erhalten das, was uns von den Zuständen unterscheidet, gegen die sich mancher zu Recht wehren will.
  • Erkenne den Disclaimer als Signal. Wenn du selbst merkst, dass du gerade "ich bin ja nicht rechts, aber..." sagen willst, ist das ein guter Moment innezuhalten und dich zu fragen, was eigentlich nach dem "aber" kommt und warum es diese Absicherung überhaupt braucht.

Wie genau man fragt

Der Punkt "frag konkret nach, statt zu urteilen" klingt einfach, ist aber in der Praxis oft die größte Hürde: Welche Frage öffnet ein Gespräch, und welche klingt bereits wie ein Urteil? Ich habe dazu einen eigenen Beitrag geschrieben, mit einem konkreten Fragenkatalog, der auch der Angst, Scham oder Schuld nachspürt, die hinter solchen Sätzen oft liegt: Fragen, die zum Nachdenken einladen, statt zu verurteilen.

Ein letzter Gedanke

Ich glaube, die eigentliche Aufgabe unserer Zeit ist nicht, sich für eine Seite zu entscheiden, sondern auszuhalten, dass Klarheit und Differenzierung gleichzeitig möglich sind. Man kann gegen Rechtsextremismus sein und trotzdem nicht jedes Mittel dagegen für richtig halten. Man kann Verständnis für die Ängste anderer haben und trotzdem widersprechen, wenn aus dieser Angst Ausgrenzung wird. Man kann an einem humanistischen Menschenbild festhalten, das jedem Menschen dieselbe Würde zuspricht, egal ob er seit Generationen hier lebt oder erst vor Kurzem angekommen ist, so wie Islombek bei uns im Betrieb.

Genau dafür möchte ich mit diesem Beitrag stehen, nicht für eine fertige Antwort, sondern für die Bereitschaft, genau hinzuschauen, bevor man urteilt, und für die Überzeugung, dass Hilfe für Menschen in Not niemals eine Frage der Zugehörigkeit sein sollte.

Michael Blanz